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Die Geschichte von zwei kleinen Seelen, die beschlossen, gemeinsam ins Leben zu springen

 

Manchmal beschießen zwei Seelen, dass sie gemeinsam den Sprung in das Leben wagen wollen. Während der Zeit im Mutterleib merkt eine der beiden Seelen, dass sie noch nicht bereit für dieses Leben ist. Vielleicht gibt es da etwas, das ihr große Angst macht? Vielleicht war die letzte Zeit auf der Erde so schmerzvoll, dass der Mut die kleine Seele verlässt? Vielleicht ist es einfach noch nicht der richtige Zeitpunkt für diese kleine Seele zurückzukommen?

 

Die andere kleine Seele bemerkt das Zögern und fragt: „Was ist, mein Bruder, du wirst so durchsichtig und zart. Geht es dir gut? Bist du noch da?“ Der Bruder versucht zu erklären, er möchte sagen, dass er diesen Weg noch nicht antreten kann, dass seine Schwester, die andere kleine Seele, ihn alleine gehen muss, dass es ihm leid tue... Aber er kann es nicht sagen, er ist schon so fein und zart geworden. Die Schwester spürt den Schmerz des Bruders und nimmt voller Panik seinen Rückzug wahr. Sie waren zwar nur ein paar Tage, vielleicht Wochen gemeinsam in dieser dunklen, warmen Höhle im Bauch der Mutter, aber trotzdem verbindet sie ein starkes Band. Er war die erste Präsenz, die sie fühlte. Er war das erste Zeichen von Lebendigkeit, das sie spürte und hörte. Noch bevor sie ihre Mutter wahrnehmen konnte, war er da: ihr Zwillingsbruder. Und plötzlich wird er ganz still und leise und klein und zart.

 

„Was kann ich für dich tun, lieber Bruder?“, ruft sie voller Verzweiflung. „Kann ich dir irgendwie helfen? Brauchst du mehr Platz? Schau, ich mache mich ganz klein.“ Als keine Antwort und kein Lebenszeichen kommt, weint sie: „Geh nicht! Wir schaffen das gemeinsam. Ich bin doch bei dir. Wir gehören doch zusammen, wir sind eins. Bleib bei mir.“ Aber es bleibt still. Der Zwillingsbruder ist ganz still und klein und dunkel geworden.

 

Plötzlich fühlt sich die kleine Seele im Mutterbauch so unendlich alleine. Sie ist tieftraurig und sehnt sich nach der anderen kleinen Seele, die nun wieder zurückgegangen ist und eine große Leere zurückgelassen hat. Die kleine Seele möchte diesen freigewordenen Platz gar nicht nutzen, sie möchte sich gar nicht ausdehnen und auf das Leben freuen. Sie bleibt in einer Ecke der Gebärmutter, klein und traurig, und vermisst ihren Bruder so sehr. Sie weiß gar nicht, ob sie das alleine schaffen kann, den Weg ins Leben. Es ist, als fehle ein Teil von ihr.

 

Doch dann kommt irgendwann der Tag, an dem sie ins Leben hinausgehen muss. Sie versucht, den Tag aufzuschieben. „Auch da draußen bin ich ja dann alleine“, denkt sie. Aber irgendwann ist es soweit, es bleibt ihr keine andere Wahl. Mutig und entschlossen schiebt sie sich nach draußen ins Leben, wo sie voller Freude und Liebe empfangen wird.

 

Aber der kleinen Seele geht es nicht gut. Sie trauert immer noch um ihren Zwillingsbruder, um den großen Verlust ganz am Anfang ihrer Reise ins Leben, von dem niemand etwas mitbekommen hat. Die Mutter weiß nichts davon, dass am Anfang der Schwangerschaft zwei kleine Seelen zu ihr gekommen sind. Sie weiß nichts von dem traumatischen Erlebnis, das das kleine Mädchen schon vor ihrer Geburt durchleben musste. Sie weiß nichts vom verlorenen Zwillingsbruder, um den das kleine, schreiende Baby in den ersten Wochen und Monaten schmerzlich trauert. Wie kann die Mutter das kleine Mädchen so trösten und ihr das geben, was sie braucht? Und kann ihr überhaupt jemand jemals das geben, was den frühen Verlust ausgleichen würde?

 

Das Mädchen wird größer und vergisst die dramatischen Ereignisse im Mutterbauch. Aber sie wird sehr feinfühlig. Sie hört aufmerksam in die Menschen in ihrer Umgebung hinein. „Geht es ihnen gut? Brauchen sie Hilfe? Kann ich etwas für sie tun?“ Auf keinen Fall möchte sie so einen Verlust noch einmal erleben. Und sie möchte auf keinen Fall Schuld daran sein, dass es anderen schlecht geht oder dass sie gehen. Sie möchte jetzt rechtzeitig helfen. Sie möchte wenig Platz in Anspruch nehmen, damit sie den anderen auf keinen Fall den Platz zum Leben wegnimmt. Darf sie überhaupt richtig da sein? Darf sie ihren Platz im Leben beanspruchen, da doch ihr Bruder gegangen ist und sie nur hilflos zusehen konnte? Darf sie ihr Leben leben?

 

Sie hat feine Antennen für andere, besonders für das Leid und den Schmerz. Sie kann sich ganz schnell und mühelos mit ihrem ganzen System auf andere einstellen, sich in sie einfühlen. Und manchmal schwappt der fremde Schmerz in sie hinüber. Sie möchte ihn gerne tragen für den anderen, damit dieser Mensch es leichter hat. Doch in sich selbst hineinzufühlen, fällt ihr schwer. „Wo sind meine Grenzen?“ Sie weiß es nicht. Hat sie überhaupt Grenzen? Sie sucht doch nach dem verlorengegangenen Teil, ihrem Zwillingsbruder, einem Teil von sich selbst.

 

So geht sie durchs Leben und hält zunächst alle Menschen ein bisschen auf Distanz. So nah wie diese erste Beziehung zu ihrem verlorenen Zwilling möchte sie niemandem mehr kommen. Diesen Schmerz des Verlustes kann sie kein zweites Mal ertragen. Doch dann wacht etwas in ihr auf, eine tiefe unergründliche Sehnsucht. Nach Verbindung, nach Einheit, nach einem Menschen, der eine tiefe, innige Nähe mit ihr teilt. Sie sucht. Und manchmal findet sie. Kurzzeitig. Dann wieder Abschiede, Verluste, Schmerz, der altbekannte.

 

Und dann, eines Tages, steigt aus irgendeinem tief verborgenen Ort der Seele eine Erinnerung auf. Unklar am Anfang, wie die Luftblasen, die an die Wasseroberfläche blubbern, und ankündigen, dass da unten gerade etwas oder jemand am Auftauchen ist. Und dann plötzlich ist die Erinnerung ganz klar: „Da war noch jemand, ich war am Anfang nicht alleine. Es gab einen Zwillingsbruder.“ Erleichterung. Tränen. Freude. Und ein großer Schmerz. Doch jetzt weiß sie, worum sie trauert, wonach sie sich sehnt. Sie versteht, wieso sie ist, wie sie ist. Und irgendwann, da ist sie sich sicher, wird der Schmerz weniger werden und die Freude wird bleiben, dass da eine Seele ist, die gemeinsam mit ihr gesprungen ist. In dieses Leben. Und dann – was für ein Geschenk – später nachkam. Als die Zeit die richtige war.

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Kommentare: 3
  • #1

    Tanja (Donnerstag, 28 Februar 2019 11:07)

    Wundervoll - vVelen Dank ��❤️

  • #2

    Mariam (Freitag, 13 September 2019 23:22)

    Das schönste was ich je gelesen habe. Als wäre es für mich.

  • #3

    Fohry (Dienstag, 01 Oktober 2019 11:41)

    Bin zu Tränen gerührt