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Hier stehe ich, heute, und warte

 

Siehst du mich, wie ich hier heute stehe? Ich bin zurückgekehrt an den Ort.

 

Hier stehe ich. Heute. Und warte.

 

Ich bin bereit, das anzuschauen, was damals geschah. Ich weiß, dass du da bist. Auch wenn du dich noch hinter einem Nebelschleier verbirgst. Ich fühle dich. Ich sehe das Band, das uns verbindet. Und ich weiß, dass all deine inneren Sinne ganz wach sind, aufmerksam und liebevoll ausgerichtet auf mich und auf das, was nun geschieht.

 

Hier stand ich. Damals. Und wartete.

 

Ich wartete auf ein Zeichen von dir. Auf deine Worte, auf dein Einstehen für mich, auf dein Bekenntnis zu mir, auf dein aktives Tun. Doch du bliebst passiv und stumm. Mit großen Augen und voller Schrecken sahst du zu, wie das Schicksal seinen Lauf nahm. Mein Schicksal und das unzähliger Frauen. Und damit auch deines. Als ich Leid erfuhr – unermessliches – an Leib und Seele, da brach auch etwas in dir.

 

Hier stehe ich. Heute. Und warte.

 

Alleine und einsam stehe ich hier mit dem Schmerz von Jahrhunderten von Jahren. Die tiefen Wunden, die mir zugefügt wurden, wieder und wieder, endlich in mir spürend, und die unzähligen, nicht verheilten, pulsierenden Wunden der weiblichen Seele. Die traumatischsten Erinnerungen an unbeschreibliches Leid liegen vor meinen Füßen, gut verschlossen in einer Holztruhe mit gusseisernem Schloss. Hier stehe ich und warte. Hüterin der Verletzungen der weiblichen Seele. Ich spüre dein Mitgefühl, deine Anteilnahme – aber auch deine Angst, dein Erstarren.

 

Hier stand ich. Damals. Und wartete.

 

Ich weiß, du wolltest mir nichts Böses. Du hast mich nicht aktiv verraten. Aber auch dein Nichtstun war ein Verrat. Du hast mich im Stich gelassen, als ich und der weibliche, sanfte Teil der Schöpfung dich – deine Kraft, deine Stärke, dein Wort – am dringendsten brauchten. Ich brauchte deinen Schutz, deinen Rückhalt, dein Zu-mir-Stehen. Doch du warst nicht da, als ich dich brauchte. Du warst nicht da, als ich am verletzlichsten war. Du warst nicht da, als ich zutiefst verletzt wurde. DU WARST NICHT DA!

 

Hier stehe ich. Heute. Und schreie: DU WARST NICHT DA!

 

Kannst du meinen Schrei hören, der aus meinem Brustkorb herausbricht? Kannst du meinen Schmerz spüren, der immer noch durch meine Zellen pulsiert? Das Leid, das tief in meine DNA gegraben ist? Meine Wut, die endlich heiß und kraftvoll aufsteigt und ausbrechen will wie ein Vulkan? Kannst du meine Angst spüren, wenn ich die Holztruhe vor meinen Füßen sehe, die zu öffnen meine Aufgabe ist? Kannst du mein Zurückschrecken spüren vor der Wucht der Emotionen, die darin schlummert, und gleichzeitig mein tiefes Mitgefühl mit den Menschen, die – damals und heute – all den Schmerz erleiden mussten? Und kannst du meine Entschlossenheit spüren, dass ich keine feigen Ausflüchte und Entschuldigungen mehr akzeptiere – weder von mir selbst noch von dir? Und berührt dich meine große Traurigkeit darüber, dass du mich alleine gelassen und all dem ausgeliefert hast? Dass du zugelassen hast, was mir angetan wurde… Ich frage dich, sanft und laut und wütend und ganz leise und verletzlich: WARUM?

 

Hier stand ich. Hier stehe ich. Damals und heute. Und frage dich: WARUM?

 

Warum hast du mich im Stich gelassen? Wie konntest du zulassen, dass mir und der Erde dies angetan wird? Es hätte großen Mut von dir erfordert und das entschiedene Übernehmen von Verantwortung. Ich weiß, vielleicht hättest du dein Leben dafür verloren – wie ich und so viele andere Frauen und Männer. Ich wollte immer und will immer noch, dass es dir gutgeht. Aber indem du durch dein Nichthandeln dein Leben geschützt hast, hast du nicht nur mich verraten, sondern auch dich. Du zerbrachst innerlich an Schuldgefühlen und an dem Schmerz. Als ich einen äußeren Tod starb, starbst du einen inneren.

 

Kannst du erahnen, wie wichtig und heilsam es für mich ist zu hören und zu wissen und zu fühlen, dass du zu mir stehst? Kannst du erahnen, dass es auch für dich heilsam wäre, den gemeinsamen Schmerz zu fühlen, der uns beiden zugefügt wurde, und zu wissen, dass du mit deiner ganzen männlichen Kraft nie wieder zulassen wirst, dass sich dies wiederholt?

 

Hier stehe ich. Heute. Und warte.

 

Ich spüre die Verbindung zwischen uns, ganz sanft, stark und klar. Sie war schon immer da und wird immer da sein. Ich spüre, dass du auch heute da bist. Du begleitest mich aus der Ferne auf meinem Weg, die alten Wunden, meine und die der weiblichen Seele, zu heilen. Du schaust mich an, liebevoll, zärtlich. Wenn ich deine Präsenz spüre, hüpft mein Herz vor Freude – bevor sich ein Schatten von Traurigkeit darüberlegt.

 

Das, was war, kann nicht länger weggesperrt bleiben. Es ist Zeit, das anzuschauen und zu spüren, was wir so lange – mühevoll und unwissend – mit uns herumgeschleppt haben. Mein Leid, das ich nicht von deiner Hand erfuhr, für das du durch dein Nichthandeln dennoch Mitverantwortung trägst. Und auch dein Leid, dein gebrochenes Herz und deine Schuldgefühle, die dich nach außen hin hart und müde gemacht haben.

 

Auch ich bin müde von dem langen Weg, der viel Mut, Kraft und Energie erfordert. Jeder Schritt kostet Überwindung, auf körperlicher, geistiger und seelischer Ebene. Doch ich gehe ihn, jeden Schritt auf meinem Weg. Dieser nächste Schritt jedoch ist nicht der meine. Dieser Schritt ist deiner!

 

Wisse, dass ich dir schon lange vergeben habe. Wisse, dass ich dich jetzt an meiner Seite brauche.

 

Hier stehe ich. Heute. Und warte. Meine Arme sind geöffnet.

 

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Kommentare: 1
  • #1

    Carmen Noller (Samstag, 28 Juli 2018 07:27)

    ������ WEIBLICHKEIT ������
    Soooo wunderschön und aus allen Dimensionen der Zeit und des Seins heraus beschrieben.
    �� � DANK DAFÜR � ��
    Herzlich,
    Carmen ��