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The beauty of vulnerability

 

Wenn wir als kleine, hilflose, schreiende Bündel auf die Welt kommen, sind wir alle äußerst verletzlich und schutzbedürftig. Wir sind darauf angewiesen, dass unsere Bezugspersonen es gut mit uns meinen, dass sie uns Liebe, Wärme, Nähe und all das geben, was wir zum Leben brauchen. Und dass sie gleichzeitig unsere Grenzen respektieren, unserer Seele gestatten, sich auf ihren ureigenen Lebensweg vorzubereiten. Am Anfang sind wir alle auf natürliche Weise ganz weich und offen und voller Vertrauen. Es ist ein Urzustand, den wir bald verlassen werden.

 

Denn selbst wenn wir unter den optimalsten Bedingungen im Leben willkommen geheißen werden, werden wir früher oder später im Zuge des Heranwachsens aus diesem Zustand von Offenheit, Verletzlichkeit und Urvertrauen herausgestoßen, manchmal abrupt und heftig, manchmal langsam und subtil. Manchmal zwingen uns frühkindliche Erfahrungen in der Familie, bereits zu einem sehr frühen Zeitpunkt Schutzmechanismen zu entwickeln, um unseren inneren, verletzlichen Kern vor Verletzung, Vernachlässigung oder Vereinnahmung zu schützen. Manchmal findet der Prozess etwas später statt: Wenn wir das geschützte Umfeld der Familie mit kleinen Schritten verlassen, um erste Erfahrungen in gesellschaftlichen Gruppen zu machen, in die wir uns integrieren müssen, dann werden wir oft wohlmeinend darin angeleitet, stärker und härter zu werden, Durchsetzungskraft zu entwickeln, damit wir im Kindergarten, in der Schule und generell im Leben unseren Platz behaupten können.

 

Diese Prozesse, egal ob durch ein traumatisches Ereignis plötzlich angestoßen oder sich langsam-schleichend entwickelnd, finden in aller Regel unbewusst statt. Wir legen uns Masken zu, schlüpfen mehr oder weniger elegant in die Rollen, die uns die Gesellschaft anbietet, und wickeln den Schutzmantel über die Jahre immer fester um uns und unser Herz herum. Wenn niemand unseren inneren, weichen Kern sieht, dann können wir nicht so tief verletzt werden, so denken wir.

 

Wagen wir es doch einmal, uns einem bestimmten Menschen gegenüber zu öffnen, und werden dann verletzt, so spüren wir unvermittelt die alte Wunde und zarte Verletzlichkeit unserer Kindheit und erinnern uns mit großer Wucht daran, dass die Erwachsenen um uns herum damals große Angst vor Verletzlichkeit zu haben schienen und dass sie uns (unwissend) vorlebten und (wohlmeinend) anleiteten, uns auf keinen Fall schwach und verletzlich zu zeigen. Selbst wenn wir die Verletzlichkeit in uns selbst nicht als extrem bedrohlich wahrnehmen, so vermittelt uns unser Umfeld, dass es etwas Gefährliches und potentiell Überwältigendes ist, etwas, das man am besten bereits im Keim erstickt. Diese vermeintliche Sicherheit hat allerdings ihren Preis.

 

Wir ziehen uns also sofort wieder zurück in unser Schneckenhaus, legen uns einen dickeren Schutzpanzer zu, ketten uns noch enger an unsere Masken und Rollen, die uns bisher vermeintlich sicher durchs Leben getragen haben, bis …. ja, bis es irgendwann nicht mehr geht. Bis sich irgendwann im Innern etwas rührt und Gehör verschaffen will.

 

Es ist so, als hätte man sein Leben lang zu kleine Schuhe getragen. Die Füße sind es gar nicht anders gewöhnt. Doch irgendwann entsteht eine Unruhe im großen Zeh, er beginnt sich bewegen zu wollen, Mikrobewegungen nur, da der zu fest sitzende Schuh keinen Raum für Bewegungen zulässt.

 

Und jetzt passiert zweierlei: Zuerst sind da große Schmerzen. Zum ersten Mal merkt der Fuß, wie fest das Leder um ihn herum sitzt, wie eingezwängt er ist, ohne jeglichen Bewegungsspielraum. Der plötzlich erwachte Impuls, sich zu bewegen, führt dazu, dass man die Enge kaum noch aushält. Das Pulsieren im Fuß schmerzt, man möchte den Schuh am liebsten sofort vom Fuß reißen – doch zum einen weiß man nicht, wie man den komplizierten Verschluss löst, zum anderen hat man Angst vor dem unbekannten, nackten Fuß. Wie wird er aussehen, nach Jahren in der Gefangenschaft im engen Schuh? Und wird man seinen Weg auch barfuß gehen können? Oder wird man einen größeren, passenderen Schuh finden? All diese Schmerzen und ambivalenten Gefühle und Gedanken machen die Situation erst einmal nahezu unerträglich.

 

Doch auch etwas anderes passiert: Zum ersten Mal spürt man die Ahnung von einer nie gekannten oder fast vergessenen Lebendigkeit. Der Fuß, dessen man sich zuvor gar nicht mehr bewusst war, er lebt! Und: es ist meiner, er gehört zu mir! Neben all den unbequemen, verunsichernden, vielleicht sogar überwältigenden Gefühlen ist auch ein erster Hauch von Freude, Lebendigkeit und Ganzheit spürbar.

 

Genau das passiert, wenn unsere Verletzlichkeit bei uns anklopft. Manche beschließen aus Gründen der Sicherheit und Ungewissheit ihren Weg lieber mit den gewohnten, zu kleinen Schuhen weiterzugehen. Für andere ist dies nicht mehr möglich. Und hier beginnt ihr Weg zurück – zurück zur eigenen Verletzlichkeit, zum wahren Kern ihres Selbst.

 

Auf diesem Weg zurück zur Verletzlichkeit geht es weniger um das Erlernen von neuen Kompetenzen oder Techniken, sondern vielmehr um das Verlernen von alten Denk- und Verhaltensmustern, um das Ablegen von Schutzmechanismen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt in unserem Leben bestimmt wichtig, vielleicht sogar überlebenswichtig für uns waren, uns jetzt aber am Leben hindern.

 

Wir müssen nichts Neues erwerben, besser werden, Wissen anhäufen, sondern dürfen Schicht um Schicht Hüllen ablegen, die eigentlich nicht zu uns gehören: Masken, Rollen, Rüstungen, Schutzschilde, … Und ja, das macht Angst und kann sich manchmal sogar lebensbedrohlich anfühlen. Und ja, wir dürfen uns dafür Zeit nehmen, kleine Schritte tun, uns kompetente und liebevolle Begleitung an unsere Seite holen. Wir dürfen zweifeln, zögern, weinen und Pausen einlegen.

 

Und irgendwann werden wir merken, wie viel Kraft und Energie es uns gekostet hat, all die Schutzmechanismen ständig in Alarmbereitschaft zu halten. Erschöpft werden wir uns für einen Moment in unsere eigene Verletzlichkeit sinken lassen, in die vermeintliche „Schwäche“, wie uns über Jahre und Jahrzehnte eingeredet wurde. Und was wird nun Schlimmes passieren? Ich kann es euch verraten: Nichts.

 

Es wird sich kein großer Abgrund im Boden auftun, der uns verschlingt, wir werden nicht fortgerissen von einer Sturmflut, es wird kein Ungeheuer auftauchen, das uns zu Tode trampelt. Da wird – neben der vielleicht noch mitschwingenden Angst und Unsicherheit – erst einmal eine große Ruhe und Frieden sein. Eine Weichheit und Offenheit. Ein Gefühl von Auf- bzw. Hingabe (was so schön in dem englischen Wort „surrender“ mitschwingt). „Hier bin ich. So bin ich. Ich bin einfach da.“ Solche Momente, in denen wir in Kontakt mit unserer eigenen Verletzlichkeit sind, können wunderschön und zutiefst berührend sein. Und sie strahlen aus, entfalten ganz automatisch eine Wirkung, die weit über unsere Körpergrenzen hinausgeht.

 

In Momenten, in denen ich meine Verletzlichkeit nicht versteckte, hatte ich einige der schönsten berührenden Gespräche und Begegnungen. Fremde Menschen kamen plötzlich auf mich zu. So zum Beispiel ein alter, spanischer Fischer mit wettergegerbtem Gesicht. Angezogen wie von einem Magneten kam er auf mich zu, setzte sich neben mich und erzählte mir seine ganze Lebensgeschichte, von der ich nur einen Bruchteil verstand, bis seine Augen strahlten und er mir zum Abschied einen feuchten, herzlichen Schmatz auf die Wange drückte und wie ein kleiner Junge beschwingt davonhüpfte. Ein schwedischer Bär von einem Mann, tätowierter Rocker und Motorradfahrer, lud mich in einem kleinen Café am Meer zu sich an seinen Frühstückstisch ein. Er fing an, über seine aktuell schwierige Lebenssituation zu erzählen, sprach plötzlich von der Seele und rieb sich – über sich selbst verwundert – einige Tränen aus den Augenwinkeln und schloss mich zum Abschied gerührt zu einem „bear hug“ in die Arme. Für mich gab es nichts zu tun. Ich hörte zu, stellte einige Fragen, erzählte ein bisschen von meiner Erfahrung – sonst war ich einfach da und schaute staunend zu, wie meine Verletzlichkeit andere Menschen berührte und in Kontakt mit etwas in sich selbst brachte, das lange vergessen schien.

 

Ja, es gibt auch gegenteilige Reaktionen. Manchmal sehen Menschen in uns auch eine Gefahr, wenn wir uns offen und verletzlich zeigen, da wir ihnen unbewusst ihre eigene Verletzlichkeit spiegeln. Sie werden uns dann ablehnen, so wie sie die eigenen Teile in sich ablehnen und verbannen. Doch das hat dann nichts mit uns zu tun, sondern ist ein Spiegel ihrer eigenen Ängste.

 

Wenn wir eine echte Verbindung zu uns selbst finden und authentische, tiefe, berührende Verbindungen mit anderen zulassen möchten, dann führt kein Weg daran vorbei, zuerst mit der eigenen Verletzlichkeit wieder in Kontakt zu kommen. Wenn wir sie nicht mehr bekämpfen, wird sie ihren Schrecken verlieren und ihre wundervolle, magische Schönheit und Wirkung entfalten. Lasst uns uns daran erinnern, wie wunderschön die Wiederentdeckung der Verletzlichkeit ist – dieses zarte, ehrliche, wahre Gefühl, ganz nah bei dir selbst zu sein.

 

Let me remind you of the magic and beauty of vulnerability.

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