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Ruh dich aus, kleine Seele

Ruh dich aus, kleine Seele, du bist einen weiten Weg gekommen. Du bist, anfangs noch unwissend, viele kleine Schritte gegangen. Manchmal waren sie unscheinbar, von außen betrachtet kaum zu sehen. Und doch waren sie so unfassbar mutig und beständig und haben dich heute hier an diesen Ort gebracht. Du stehst nun da, am Meer, beide Füße im Sand versunken, die Wellen deine Knöchel umspielend. Du bist da, ein Ruhepol zwischen den Elementen. Der kühle Sand, der sich unter deinen Füßen bewegt, das fließende Wasser um deine Beine, die Luft und die Weite vor dir und um dich herum. Wie ein Fels in der Brandung stehst du hier, den Blick nach vorne auf die Weite des Horizontes gerichtet und gleichzeitig das Land hinter dir wahrnehmend, das du durchschritten hast. Im Rücken deine alte Heimat, die ein Teil von dir ist, und die Weite vor dir, ein Teil derer du bist.

 

Ruh dich aus, kleine Seele, wenn du hier für einen Moment stehst. Was sind schon Tage, Wochen, Monate - in Relation zu der langen Reise die deine Seele hinter sich hat? Es ist in Ordnung nichts zu tun, nichts zu entscheiden, nichts zu analysieren, einfach da zu sein, wartend – bis ein Impuls aus deinem Inneren aufsteigt, der dir zeigt, wann es Zeit für deinen nächsten Schritt ist. Vertraue deiner inneren Weisheit. Es gibt im Augenblick nichts für dich zu tun.

 

Ruh dich aus, kleine Seele. Es ist kein Stillstand, wenn du dir hier eine Ruhepause gönnst. Du hast viel gearbeitet, um hier her zu kommen. Lass die Erfahrungen deines Weg und die neue Dimension deines Erlebens sich setzen. Dein Körper, dein Geist und deine Seele brauchen Zeiten der Integration. Wenn man plötzlich eine schnelle oder lange ausgeführte Bewegung beendet, fühlt es sich im Inneren so an, als würde die Bewegung innerlich noch ein bisschen weitergehen. Nachschwingen. Nachklingen. Gib dir die Zeit, dass auch innerlich alles zur Ruhe kommen und seinen Platz finden kann.

 

Ruh dich aus, kleine Seele, und sei freundlich und geduldig mit dir selbst. Der Prozess lässt sich von außen nicht beschleunigen, und er lässt sich nicht messen oder abschätzen. Lass der Natur der Dinge ihre Zeit. Es ist kein Warten AUF etwas, es geht nicht darum ein Ziel zu erreichen. Es ist ein Raum-Halten für den inneren Prozess, ein Präsent-Sein im Prozess – geduldig wartend, raumhaltend, bis die neue Energie von ganz alleine zu sprudeln beginnt und du intuitiv weißt, wohin du dich nun wenden wirst.

 

Vertraue, kleine Seele, dass es so kommen wird. Ja, du bist es nicht gewohnt, geduldig und vertrauensvoll einfach stehenzubleiben. Du musstest lange hart kämpfen, deine Schritte auch gegen innere und äußere Widerstände gehen. Du bist es gewohnt, dass jeder Schritt schwerfällt und viel Kraft und Mühe kostet. Du bist es gewohnt, dass du hart werden musstest, um dich nicht von deinem Weg abbringen zu lassen, vielleicht sogar, um zu überleben. Du bist es gewohnt, dich auch in einem kraft- und energielosen Zustand gegen den Wind zu stemmen, dich mir purer Willenskraft oder mit Kaffee und anderen Aufputschmitteln zum Weitergehen zu zwingen. Auch wenn du gar nicht weißt wohin und wozu... bloß nicht stehen bleiben, bloß keine Stagnation.

 

Doch nun stehst du hier, kleine Seele. Ein langer Weg liegt bereits hinter dir. Vor dir beginnt etwas Neues. Nun darfst du warten, bis dein Inneres bereit ist. Du darfst dich allmählich daran gewöhnen, dass es eine Kraft in dir gibt, die von ganz alleine aufsteigt. Die sich in ihren eigenen Rhythmen zeigt und wieder zurückzieht, und die dich niemals verlässt. Wenn du genau hineinlauschst, vielleicht hörst du sie in manchen Momenten, vielleicht noch fern und leise. Es ist die Ankündigung einer neuen Leichtigkeit, einer neuen Weite, einer neuen Kraft.

 

Ruhe in dir, kleine Seele, wenn du hier einsam an diesem Strand stehst und das Meer und der Wind plötzlich zu tosen beginnen. Sei ein Fels in der Brandung für deine neugewonnene, noch zarte Weite. Spüre den Wind, der an dir zerrt, das Meer, das dir wütend deine Stabilität rauben möchte. Bleibe bei dir, so gut du kannst. Es gibt viele Menschen, um dich herum, die deinen Weg nicht verstehen, die nicht nachfühlen können, dass es keine Option mehr für dich ist, zurückzukehren. Dass diese neue, weite Dimension ein Teil von dir ist und du ein Teil von ihr. Habe Mitgefühl mit diesen Menschen, doch lass sie ihren eigenen Weg finden und gehen, wann auch immer der Zeitpunkt für sie der richtige ist. Auch wenn es sich oft sehr einsam und anstrengend anfühlt und meist von außen betrachtet unwichtig erscheint: Indem du bei dir bleibst und vertrauensvoll in dir ruhst, bist du nicht nur ein Fels in der Brandung für dich selbst, sondern vielleicht sogar ein Leuchtturm für den ein oder anderen Reisenden, der momentan noch gar nicht bemerkt hat, dass seine Seele bereits den Rucksack für den eigenen Weg gepackt hat.

 

Ruh dich aus, kleine Seele. Du darfst einfach nur sein. Warte, bis die Worte von alleine kommen – und dann sprich sie aus. Warte, bis der Impuls für den nächsten Schritt aufsteigt – und dann gehe ihn. Warte, bis die Energie zu sprudeln beginnt – und dann teile sie mit der Welt.

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