· 

Ein Spaziergang in der Abendsonne - ein Vorgeschmack auf eine neue Zeit

Ein Spaziergang in der Abendsonne. Die Straßen sind fast menschenleer. Aber in den Gärten, auf den Balkonen, hinter geöffneten Fenstern blüht das Leben. Familien, die gemeinsam abendessen. Väter, die mit den Kindern im Garten Ball spielen. Ein älteres Pärchen, das sich die Wohnzimmersessel auf den Balkon hinausgeschoben hat. Nachbarn, die über den Gartenzaun miteinander sprechen. Eine Frau, auf der Straße unter einem geöffneten Fenster stehend, unterhält sich mit einem Paar, das es sich auf den Fenstersims gelehnt gemütlich gemacht hat. Der Wind trägt Gesprächsfetzen herüber und Lachen. Es liegt Leichtigkeit in der Luft und eine ruhige, heitere, friedliche Gelassenheit. Die Menschen scheinen Zeit zu haben, Zeit für ein Gespräch, für ein Lächeln, für ein freundliches „Wie geht’s?“.

 

In den Medien sprechen alle von Isolation, Eingesperrtsein, Restriktionen, Freiheitsentzug und Lockdown. Und ja, diese Seite gibt es auch: Menschen mit Depressionen oder Angsterkrankungen, für die diese Zeit besonders herausfordernd ist.  Ältere Menschen oder solche, die zur Risikogruppe gehören, die jetzt große Angst um ihre Gesundheit haben oder um die Gesundheit ihrer Angehörigen und Freunde. Menschen, die jetzt um ihren Job und ihre finanzielle Grundlage bangen. Menschen in den systemrelevanten Berufen, die nun extrem gefordert sind und Unbeschreibliches leisten. All das sehe ich auch.

 

Doch jetzt in diesem Augenblick, bei meinem Spaziergang in der Abendsonne, sehe ich vor allem auch eins: Ich sehe, wie uns diese Zeit nicht weiter auseinandertreibt, sondern näher zusammenwachsen lässt. Ja, man hält nun respektvollen Abstand, wenn man sich auf der Straße begegnet. Und gleichzeitig habe ich noch nie so häufig ein Lächeln geschenkt bekommen, einen freundlichen Blick, einen Gruß wie in den letzten Wochen. Die Menschen nehmen sich gegenseitig wieder mehr wahr. Nehmen Rücksicht. Ein anerkennendes Nicken: „Ich sehe dich. Du wirst gesehen.“ Ein gemeinsames Lachen, wenn das Ausweichen auf dem Gehweg oder im Supermarkt zu einem kleinen Tanz wird.

 

Ich sehe, wie gut uns die Entschleunigung tut. Familien haben wieder gemeinsame Zeit. Ja, auch das ist manchmal extrem herausfordernd. Aber da sind eben auch die Momente wie das Spielen im Garten. Ein Vater, der im Hof seiner Tochter das Radfahren beibringt. Die Mutter auf dem Trampolin mit ihren Kindern. Ein älterer Junge, der geduldig mit seinen kleinen Geschwistern Ball spielt. Oder auch das Geschirrklappern auf dem Balkon, wenn alle zusammensitzen und essen. Ein Paar, das auf dem Balkon lesend die Beine nach oben gelegt hat, gemeinsame lesende Stille, eine Kerze, zwei Gläser Wein. Wie im Urlaub.

 

Ich lausche den täglichen Balkongesprächen meiner Nachbarn: „Guten Morgen, hast du gut geschlafen?“ „Und, wie ist die Klopapiersituation bei euch?“ „Na, hast du heute schon Sport gemacht?“ „Ich gehe mal rein, wir sehen uns bestimmt später.“ Manchmal liege auf meinem Balkon in der Hängematte und frage mich, ob sich zwischen zwei meiner Nachbarn, die sich mittlerweile täglich über einen mittleren, meist leeren Balkon hinweg unterhalten, nicht allmählich mehr als reines nachbarschaftliches Interesse entwickelt.

 

Ich sehe, wie Menschen auf der Straße anhalten, miteinander sprechen. Ja, da ist mehr räumlicher Abstand zwischen ihnen. Auf den ersten Blick mag es seltsam wirken. Aber die Gespräche sind herzlich. Da ist eine Zugewandtheit, eine Offenheit, ein offenes Ohr. Die Gesten wirken entspannt, keine Blicke auf die Uhr, kein kleines Abwenden, weil die Zeit eilt und man eigentlich weiter müsste. Nein, die Menschen stehen einfach da. Sind da. Zugewandt. Interessiert. Viele im entspannten Freizeitlook, mit Schlabberhose und Wohlfühltop. Die Haare irgendwie. Egal, es sind besondere Zeiten. Auf Äußerliches kommt es nicht an. Wie schön, einfach ein bisschen draußen zu sein, eine Runde zu drehen, ein Gespräch zu genießen. Eine neugewonnene Freiheit.

 

Ich sehe, wie die kleinen Dinge des Lebens wieder mehr geschätzt werden. Der Frühling mit seiner Blumen- und Farbenpracht, das Zwitschern der Vögel, die warmen Sonnenstrahlen, die ersten milden Frühlingsabende. Die Frau an der Supermarktkasse. Wie schön, dass sie da ist. Der junge Mann vom Pflegedienst, der seine abendliche Runde dreht. Der Zettel im Treppenflur mit dem Angebot, für die Nachbarn einzukaufen. So viele kleine schöne Momente, so viele helfende Hände, so ein warmes Miteinander, so eine Freundlichkeit, so eine Friedlichkeit.

 

Ja, wir wissen nicht, wie es weitergeht. Ja, alles fühlt sich ungewiss und neu an. Und ja, das macht auch Angst. Aber wenn ich tief in mich hineinhöre, ist da vor allem ein großes Aufatmen. Alles wurde in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten immer schneller, immer enger, immer hochgetakteter. Alles war auf Kante genäht, musste effektiver und produktiver werden. Doch irgendwann ist eine Steigerung nicht mehr möglich. Irgendwann muss man anhalten. Das tun wir jetzt. Gezwungenermaßen.

 

 

Viele hoffen jetzt auf ein schnelles Zurück zur Normalität. Ich wünsche mir auch, dass wir die schwierige Zeit bald überstanden haben, und dennoch wünsche ich mir kein Zurück ins alte Hamsterrad der Normalität. Ich wünsche mir, dass wir etwas davon, was ich an diesem Abendspaziergang sehen konnte, hinüberretten können, wenn das sogenannte „Social Distancing“ wieder aufgehoben wird. Denn ich sehe nun viel mehr Anteilnahme, Herzenswärme und echten zwischenmenschlichen Kontakt. Durch die Entschleunigung nehmen wir uns selbst und unsere Mitmenschen wieder deutlicher wahr, schätzen das Sein in der Natur und sind dankbar für so viele kleine Dinge des Lebens. Lasst uns nicht zur Normalität zurückkehren! Lasst uns etwas Neues schaffen!   

Kommentar schreiben

Kommentare: 0