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Die dunkle Nacht der Seele

Wenn die dunkle Nacht der Seele anklopft, lass sie ein. Lass dich ein. Erlaube dir, dass sie ihre warmen, weiten Arme um dich schlingt und dich fest an ihr glühendes, bebendes Herz drückt. Erlaube dir loszulassen und hineinzusinken in diese bodenlose Tiefe und Dunkelheit, die dich nun umgibt. Die in dir ist. Deren Grenzen du nicht mehr erkennen kannst. Erlaube dir eins zu werden.

 

Wenn die dunkle Nacht der Seele anklopft, lass sie ein. Lass dich ein. Erlaube dir, da zu bleiben mit all deinem Zittern und Beben. Mit deiner Angst, dass du dich nicht mehr lebend aus dieser innigen, verschmelzenden Umarmung lösen wirst. Mit deiner Sorge, dass du so tief in eine dunkle, alles verschlingende Tiefe sinken wirst, dass du nie wieder die Oberfläche erreichen, die warme Sonne auf deinem Gesicht, die Unbeschwertheit eines Frühlingsmorgens erleben wirst. Mit deiner Panik, dass du nun orientierungslos, ohne rettende Verbindungsleine durch das weite, menschenleere Weltall trudeln wirst, hilflos größeren Mächten ausgeliefert. Du wirst eine essentielle Einsamkeit spüren, manchmal das Gefühl haben, als würdest du stillstehen, nichts um dich herum bewegt sich mehr. Und dann wirst du wieder kopfüber vorangewirbelt, durchgerüttelt, haltlos in Richtungen geschleudert, die du gar nicht mehr benennen kannst… Wenn du all dies wahrnehmen kannst, dann bist du noch immer da. Du bist nicht gestorben, du bist nicht weggegangen, indem du dich abgelenkt oder von dir abgespalten hast. Wenn du all dies wahrnehmen kannst, bist du da. Du bist. Du lebst. - Willkommen in der dunklen Nacht der Seele. Du hast ihre Einladung angenommen.

 

Wenn die dunkle Nacht der Seele anklopft, ist es keine Bestrafung, weil du etwas falsch gemacht hast. Es bedeutet nicht, dass du zu sensibel oder nicht stabil genug bist. Es bedeutet nicht, dass dein Leben besonders schwierig ist. Es bedeutet, dass du den Ruf des Lebens hörst. Dass du bereit bist, ganz zu leben. Dass du bereit bist, bis auf den Urgrund der menschlichen Erfahrung zu tauchen. Dass du bereit bist, alles, was zum menschlichen Leben dazugehört, einzuladen, ganz zu fühlen, in dein Menschsein zu integrieren. Nicht nur das Schöne, das Leichte, das Perfekte. Sondern auch das Schwierige, den Schmerz, das Leid. Dass du bereit bist, dich einzulassen.

 

Wenn die dunkle Nacht der Seele anklopft, ist es ein Ruf des Lebens. Wenn wir in die Tiefe sinken und uns erlauben, dort über unseren Verlust zu trauern, dem Tod, unserer Angst, unserer Sehnsucht oder was auch immer uns gerufen hat, in die Augen zu schauen, dann sind wir so nah am Leben wie nie zuvor. Wir können den Herzschlag spüren, unseren eigenen und den des Universums. Und ja, es ist vielleicht ein schneller, aufgeregter, unregelmäßiger Herzschlag, und vielleicht spüren wir auch zum ersten Mal wirklich die unendliche Schwere und Müdigkeit in unserem Körper, den ungeweinten See an Tränen in unserem Herzen, den lodernden Vulkan, der bedrohlich in unserem Bauch pulsiert... So herausfordernd dies auch ist: Wir spüren unsere pulsierende Lebendigkeit nun mit jeder Faser und jeder Zelle unseres Seins. Wir sind ganz „raw“, wund und verletzlich. Und: wir sind ganz nahe dran, um Urgrund des Lebens, am Urgrund unseres Selbst.

 

Wenn die dunkle Nacht der Seele anklopft, hat sie oft eine Botschaft für dich. Unten in der dunklen, endlosen Tiefe, in der du dich verloren fühlst, hörst du die Geräusche des Alltags nur noch gedämpft. Dort unten hörst du aber etwas anderes. Du hörst deinen Herzschlag. Du spürst deine Angst, deine Trauer, deine Wut, deinen Schmerz, intensiv und unmittelbar. Und dann hörst du manchmal eine Stimme. Es ist die Stimme deiner Seele. Vielleicht spricht sie durch deine Traurigkeit, durch die Angst oder die Wut. Vielleicht taucht sie auch einfach still und klar aus deinem inneren Kern auf. Höre ihr zu. Nimm ihre Worte, Bilder, Impulse ganz in dir auf. Lasse sie einsinken.

 

Wenn die dunkle Nacht der Seele anklopft, nimmt sie dich mit auf eine Reise in die Tiefen zu dem Urgrund allen Seins. Dort ist es dunkel und morastig. Besonders wenn du zum ersten Mal hinabtauchst, kann diese Dunkelheit unbeschreiblich angsteinflößend sein. Doch eigentlich ist dies kein menschenverschlingender, lebentötender Raum, sondern im Gegenteil: Es ist ein fruchtbarer Schlamm, der da am Meeresgrund der dunklen Nacht der Seele auf uns wartet. Hier siehst du - vielleicht zum ersten Mal - Samenkörner, die deine Seele für dich ausgesät hat. Während du dich in deinem alltäglichen Leben geärgert hast, dass deine Saat nicht aufgegangen ist, die dein Alltags-Ich so sorgfältig und mühevoll geplant und angepflanzt hatte, zeigt dir deine Seele hier unten, welche Saat wirklich für dich da ist und bereits im fruchtbaren Schlamm liegt, ausgesät vor langer Zeit, für dich. Hier siehst du dein ungelebtes Potential, das, was du eigentlich zu geben hast, was zu leben du eigentlich hier bist. Hier im fruchtbaren Schlamm des Urgrunds liegen die Samenkörner bereit. Hier siehst du, was eigentlich deine nächsten Schritte sein müssten. Hier hörst du den eindringlichen Ruf des Lebens.

 

Wenn die dunkle Nacht der Seele anklopft und dich für einige Zeit – Tage, Wochen, Monate – mit auf die Reise in die Tiefe genommen hat, dir den fruchtbaren Schlamm auf dem Urgrund deiner Seele und die bereits ausgesäten Samenkörner gezeigt hat, dein Potential und deine wahre, mögliche Lebendigkeit – jenseits von allen Konzepten, die du dir vielleicht von deinem Leben gemacht hast oder die andere für dich und dein Leben gemacht haben –, dann wirst du allmählich wieder nach oben steigen. Du wirst merken, dass es wieder heller, wärmer, leichter wird, dass du dich wieder beweglicher und vielleicht auch auf eine bekannte Art „lebendiger“ fühlst. Vergiss dabei nicht, den Ausblick auf eine Lebendigkeit, die dir in der dunklen Nacht der Seele gezeigt wurde. Eine Lebendigkeit, die du bis tief in deinen Zellen spürst, die in dir pulsiert, bebt, manchmal unbequem stürmt und dich erzittern lässt und manchmal sanft fließt und sich wohlig in dir ausbreitet. Erinnere dich an das, was du auf dem Urgrund von deiner Seele gehört hast, an die Samenkörner, die du gesehen hast, an den Ruf des Lebens, dein ganzes Potential zu leben, DEIN Leben zu leben, alles zu fühlen, ganz zu werden, du selbst zu werden, mutige Schritte zu gehen, dieses eine, dein kostbares Leben mit deiner Energie erblühen zu lassen… Was auch immer es ist, was diese Reise dir schenkte, erinnere dich daran. Lasse das Samenkorn aus dem fruchtbaren Urschlamm heraus wachsen, durch das trübe Wasser am Grund, weiter und immer weiter, bis oben an der Wasseroberfläche die erste Blüte erscheint, sich entfaltet, erblüht.

Wenn die dunkle Nacht der Seele anklopft, fürchte dich nicht. Wenn sie zum ersten Mal bei dir anklopft, suche dir einen Reisebegleiter, jemand, der mit dir in die Tiefe taucht, oder jemand, der oben auf dich wartet und den Anker, an dessen Seil du dich wieder nach oben tasten kannst, für dich hält. Wenn du bereits einige Male diese Reise angetreten hast, wirst du merken, dass du den Raum immer besser auch für dich selbst halten kannst, während du dir erlaubst zu sinken. Du wirst merken, dass diese Reisen in die Dunkelheit keine Zeichen von Schwäche sind, sondern von Mut und unmittelbarer Lebendigkeit. Gerade wir Frauen haben von Natur aus die Fähigkeit, in diese tiefe Nacht der Seele zu tauchen, uns verschlingen zu lassen, mit ihr zu verschmelzen und neu, gestärkt, lebendig wieder aus ihr aufzutauchen. Diese Frauen, diese Menschen, wir können uns auch Leichteres, Schöneres vorstellen. Aber wir wissen tief in unserem Inneren, dass wenn das Leben, wenn Kali, Hekate, Inanna oder wie auch immer wir die große, allumspannende Kraft nennen, uns ruft, dann ist es ein Ruf des Lebens, dem wir folgen müssen. Wir verlieren uns dabei nicht. Wir finden verloren geglaubte, vergessene Teile unseres Selbst. 

      

Wenn die dunkle Nacht der Seele anklopft, lass sie ein. Lass dich ein.

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Kommentare: 2
  • #1

    Margrit Kazahrina (Montag, 14 November 2022 12:31)

    Mein Danke dich du klare starke, von den Lebensfluten durchspült und neugeformte Bettina für diesem deinen ein-Drücklichen Text.
    Ich musste sie auch kennenlernen - mehrmals - die Dunkle Nacht der Seele, diese sich universal anfühlende Leere.
    Nach meiner Empfindung, die grösste Prüfung des (Ur-)Vertauens und der bedingungslosen Hingabe!
    Hilde Domin beschreibt diese Erfahrung in ihrem Gedicht "BITTE" so trefflich.
    So schade, dass ich nicht näher bei dir lebe, denn sehr gerne würde ich deine Angebote erleben.
    Ich lebe in der Nähe des Bodensee's oberhalb von St. Gallen Schweiz.
    Herzensgrüsse zu dir,
    Margrit Katharina

  • #2

    Oliver (Sonntag, 23 Juni 2024 17:24)

    Hallo ,

    Auch wenn ich ein Mann bin schreibe ich trotzdem da ich mich in diesem Text absolut wiederfinde . Ausser das ich die Dunkle Nacht der Seele noch nicht ganz durchschritten habe. Aber die Gefühlszustände stimmen 1 zu 1. Seit mehr als 3 Jahren täglich transzendentale meditation und Yoga. Dazu noch Yogalehrer Ausbildung und Ausbildung im Traumasensiblen Yoga und eine intensive spirituelle Auseinandersetzung und Auseinandersetzung mit meiner Geschichte haben mich in die Dunkle Nacht der Seele manövriert. Ich lasse alles los , habe viel verloren an vermeintlichen Freundschaften, Und meine Firma verlassen samt aller Existenz Angst. Ich bin zutiefst dankbar das ich eine Frau an meiner Seite habe , wo wir diesen Weg gemeinsam gehen. Für ist dieser Weg ein Weg raus aus der Sucht und raus aus der PTBS hinzu
    Posttraumatischen Wachstum . Aber ohne Lehrer an der Seite ginge das nicht .
    Liebe Grüße Oliver